Autor: daniel.koehne

  • Auf der Spur der Wisente

    Die Wisente sind zurück im Rothaargebirge.  Seit etwa zwei Jahren sogar in freier Natur, theoretisch nur im Wittgensteiner Land. Tatsächlich erdreisten sich die Rindviecher allerdings, die Grenzen des benachbarten Hochsauerlandes immer mal wieder mit Hufen zu treten. Im Schmallenberger Sauerland sorgen sie dann mit ihrem regen Appetit auf Baumrinde regelmäßig für Ärger. Aber damit können sich andere rumschlagen.

    Ich habe die ablehnende Haltung der Sauerländer von Anfang an nicht wirklich nachvollziehen können. Ganz im Gegenteil – seit Monaten gibt es da diesen Vorsatz, den urigen Kolossen einen Besuch abzustatten. Und nun auch noch einen neuen Wisentpfad zwischen Jagdhaus und Wingeshausen…

    Fernblick vom Kamm des Rothaarsteigs
    Fernblick vom Kamm des Rothaarsteigs

    Vorweg: Wir haben auf dem rund 13 km langem Rundweg leider keinen Wisent gesehen. Trotzdem gibt’s für diese sogenannte Rothaarspur eine Empfehlung. Gestartet sind wir in Wingeshausen. Von da geht’s eigentlich bis ins Schmallenberger Örtchen Jagdhaus immer bergauf, fast immer über seichte Steigungen. Vor allem zwischen Wingeshausen und der Wisent-Hütte bewegt man sich dabei meistens auf einem idyllischen Waldpfad, der zunächst durch dichte Fichten-  und später durch freundlichere Laubwälder führt. Kurz vor Erreichen der Wisent-Hütte lichtet sich das Areal. Dort kann man einen Abstecher in die Wisent-Wildnis machen. Das kostet zwar Eintritt, dafür steigen die Chancen einen Wisent live zu sehen aber (vermutlich) deutlich. Denn in diesem eingezäunten Areal vergnügt sich die zweite Wisent-Herde. Wir waren nicht drin, werden das aber ganz sicher noch nachholen.

    Wegmarkierungen für Wisentpfad und Rothaarspur
    Wegmarkierungen für Wisentpfad und Rothaarspur

    Stattdessen gab’s für uns Kaltgetränke und Snacks vor der Wisent-Hütte. Kleine „Warnung“ vorweg: Statt Latte-mit-sonstwas-Kaffee-Getränken gibt’s hier nur „stinknormalen“ Filterkaffee, statt Sahnetorten nur „schnöden“ Blechkuchen.  Denn die Wisent-Hütte versorgt sich autark mit Strom und Wasser. Diese widrigen Umstände sorgten bei einem Rentner-Quartett (Anfahrt mit dem Auto) neben uns für lautstarke Verstimmungen…

    Hinter der Wisent-Hütte geht’s bis zum Rothaarkamm weiter bergauf. Dort wird man mit einigen tollen Panoramablicken über die bewaldeten Hügel entlohnt. Die Strecke verläuft nun bis Jagdhaus fast eben und über die Hauptroute des Rothaarsteigs. Der Wisentpfad streift den Ort zwar nur, aber wer mag, kann hier natürlich (nochmals) Halt machen. Nach Jagdhaus geht’s dann lange bergab, statt Wald gibt’s weite Blicke über Wiesen. Der relativ steile Weg ist grob geschottert und deshalb leider nicht ganz so angenehm zu laufen, wie die Waldwege zuvor. Erst im Ihrigetal geht’s wieder auf Waldwegen weiter, die hier aber teilweise sehr schlammig und dadurch weniger gut begehbar waren. Nach einem erneuten Anstieg erreicht man dann kurz vor Wingeshausen das Bockeshorntal, das mit seinem mäandernden Bachbett eine idyllische Kulisse bietet.

    Bachlauf im Bockeshorntal
    Bachlauf im Bockeshorntal

    Kurzes Fazit: Mit diversen kleinen Foto-Stopps und einer Pause an der Wisent-Hütte waren wir etwa 5 Stunden unterwegs. Der Wisentpfad ist durchgehend sehr gut beschildert – man folgt stets dem Wisent. Der Weg ist abwechslungsreich, mit Wald, Wiesen und einigen Weitblicken. Für manchen Streckenabschnitt ist unbedingt festes Schuhwerk empfehlenswert. Bänke für kurze Pausen oder zum Rasten sind eher rar. Letzteres kann man entweder in der Wisent-Hütte oder in einem der diversen Restaurants und Cafés in Jagdhaus und Wingeshausen. Als Startpunkt würden wir wieder Wingeshausen wählen, aber auch an der Wisent-Wildnis gibt’s einen großzügigen Parkplatz. In Jagdhaus gab’s dagegen – zumindest bei unserer Durchfahrt – keinerlei Parkmöglichkeiten mehr.

  • Rathaus in Blau

    Nee, es ist nicht schon wieder Karneval. Münster feiert – gemeinsam mit Osnabrück – die Auszeichnung mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel. Und so erstrahlt das historische Rathaus am Prinzipalmarkt derzeit allabendlich in Blau. Ein Anblick, an den man sich gewöhnen könnte…

    Historisches Rathaus Münster in Blau

    Mehr Bilder bei flickr

  • Münsterland von oben

    „Das Höchste im Münsterland“ – so wirbt das Café im Longinusturm. 32 Meter hoch ist der zwischen Havixbeck, Nottuln und Billerbeck gelegene Aussichturm. Und das mitten in den – für Münsterländer Verhältnisse – ohnehin hochgelegenen Baumbergen.

    Bei bestem Sonntagswetter und klarer Sicht war der Longinusturm deshalb heute das Ausflugsziel unserer Wahl. Immerhin verspricht die Internetseite einen fantastischen Ausblick bis ins Emsland und den Teutoburger Wald, ins Sauerland und das Ruhrgebiet sowie in Richtung Holland.

    Blick nach Nordwest: Sattes Grün, knallgelber Raps und im Hintergrund die Turmspitzen des Billerbecker Doms
    Sattes Grün, knallgelber Raps und im Hintergrund die Turmspitzen des Billerbecker Doms

    Tatsächlich hat man vom Turm aus einen tollen Rundblick über die Weiten des Münsterlands. Der Treppen-Aufstieg zum Turm ist nur über das Café im Erdgeschoss möglich und kostet einen (kleinen) Eintritt. Das ist in Ordnung, leider gibt’s trotzdem keine Infotafel oder Ähnliches. So empfehlen sich gute Ortskenntnisse zur Orientierung. Was man in der Ferne so sieht, kann man dann entweder erraten oder muss es später im Netz recherchieren. Dafür befindet sich ganz oben im Turm ein Wolpertinger-Nest. Naja…

    Das Café im Erdgeschoss war sehr gut besucht und scheint ein beliebter sonntäglicher Treffpunkt für Biker aus dem Ruhrgebiet. Draußen sitzt man rund um den Turm auf rustikalen Bänken inmitten, drinnen sieht’s nicht so gemütlich aus. Ein wenig überzogen sind die Preise für Kaffee und Kuchen. Aber auch das lässt bei gutem Wetter verschmerzen. Von Münster aus erreicht man den Turm entweder per nachmittäglicher Radtour (immer die Baumberge rauf) oder in nur 20 Minuten mit dem Auto. Ab Havixbeck ist der Longinusturm ausgeschildert.

  • Goodbye Winter

    Zwischen der Niedersfelder Hochheide und dem Ettelsberg konnte man sie heute noch finden, die letzten Reste des Winters. Im Schatten der Fichten liegt tatsächlich noch Schnee. Naja, Schneematsch. Vor wenigen Tagen gab es in den Höhenlagen des Sauerlands noch einmal einen kurzen Wintereinbruch, nun fühlt es sich aber auch hier oben mehr und mehr nach Frühling an.

    Waldweg bei Willingen, Sauerland

    Mehr Bilder bei flickr

  • So, Frühling jetzt.

    Wolkenfreier Himmel, blühende Krokusse und Vogelgezwitscher. Na bitte, der Frühling ist da! Zugegeben – so richtig Winter war eh mal wieder nicht. Ein paar frostige Nächte, aber von Schnee praktisch keine Spur. Zumindest hier im Münsterland. Trotzdem: Temperaturen um die 20 Grad gab’s in diesem Jahr noch nicht. Wer kann, schleppt sich deshalb heute nach draußen.

    Aasseeterrassen, Münster

    Am Aasee tummeln sich Spaziergänger, Radler, Jogger, Bötchenfahrer (man, sieht das Wort komisch aus) und andere Sonnenanbeter. Eltern füttern gemeinsam mit ihrem Nachwuchs das heimische Vogelvieh. Andere futtern derweil dergleichen oder Kuchen auf den Aaseeterrassen. Welch ein Glück, dass deren Instandsetzung vor wenigen Tagen beendet wurde. Auf den Wiesen wird angegrillt und gefaulenzt, im Hintergrund gearbeitet – dort laufen die Dreharbeiten für einen neuen Münster-Tatort. So, Frühling jetzt.

  • Meschede-Center. Eine unendliche Geschichte?

    Im Januar titelte die Heimatzeitung „Baubeginn am Meschede-Center“. Pflastersteine wurden entfernt und rund um das Gebäude Bauzäune aufgestellt. Für das Zeitungsfoto packte Bürgermeister Hess mit an. Manch einer traute seinen Augen nicht, als am Winziger Platz ein kleiner Bagger anrückte und die Westfalenpost die zukünftigen Mieter auflistete. Tatsächlich schien die vermeintlich unendliche Geschichte des leerstehenden Kaufhauskomplexes ein Ende zu finden.

    Hertie-Logo an der ehemaligen Kaufhaus-Filiale in Meschede

    Vergangenes Wochenende war ich in der alten Heimat. Klar, dass ich mich selbst von den Baufortschritten überzeugen wollte. Viel zu sehen war allerdings nicht – außer dem mittlerweile gewohnten Anblick einer Fassade, die nicht nur in die Jahre gekommen ist, sondern allmählich auch stückchenweise dem Gesetz der Schwerkraft folgt. Kurzum: Ein Leerstand, der zum neuen aufgehübschten Teil der Innenstadt kontrastiert und sich zunehmend in einen Schandfleck verwandelt.

    Davon gibt es in der Kreisstadt bereits einige, beispielsweise: Das alte Arbeitsamt an der Steinstraße, das Stiftscenter und in Zukunft möglicherweise auch – das ist zumindest zu befürchten – der Bahnhof. Doch um keine Dauer-Nichtbaustelle in Meschede ranken sich so viele Gerüchte und Behauptungen, als um die am Winziger Platz. Unter deren Dach im Übrigen die Mescheder Stadthalle residiert, die so ebenfalls vom zusehenden Verfall „profitiert“.

    Verfall des ehemaligen Hertie-Kaufhauses in Meschede
    Das Fensterglas fehlt, dafür gibt’s ein Loch im Boden. Der Verfall des ehemaligen Hertie-Kaufhauses schreitet voran.

    Dort wo einst Karstadt, dann Karstadt Kompakt (ab 2005) und später Hertie (ab 2007) für ein wenig Großstadt-Ambiente inmitten der Sauerländer Provinz sorgte. Ein Kaufhaus in der Kleinstadt – das war schon im September 1980, als Karstadt seine Filiale in Meschede eröffnete, eine echte Rarität. Und natürlich auch eine Attraktion für auswärtige Kunden. Die Mescheder selbst spotteten zwar gerne über ihr „winziges“ Kaufhaus, dennoch scheint zumindest mittlerweile unumstritten, dass dieses eher eine Bereicherung als ein Defizit der Innenstadt gewesen ist – und sicherlich auch immer noch wäre.

    Dies sollte man aus zwei Gründen betonen. Zum einen muss man wissen, dass der Bau des Warenhaus-Stadthalle-Komplexes in den späten 1970er Jahren keine ungeteilte Freude in der Kreisstadt hervorrief. Es gab sogar lautstarke Kritik, die aus heutiger Sicht zunächst überraschen mag. Die Befürchtung damals: Durch die neue Konkurrenz drohe zahlreichen Einzelhändlern die Pleite und so eine Verödung der Innenstadt. Interessanterweise kann man heute eine ganz ähnliche Diskussion mit deckungsgleichen Argumentationssträngen verfolgen – bei den wenigen Gegnern des Projekts Meschede-Center. Immer mehr glauben jedoch immer weniger an das „Wunder von Meschede“, also eine Reaktivierung des Gebäudes.

    Hertie-Plakat im Schaufenster, Meschede
    Die Scheibe bräuchte mal Wasser, aber die Farbe des Werbeplakats hält – und das seit 2009: Hertie gibt sein Bestes.

    An einem Samstag, dem 15. August 2009, schließt Hertie für immer. Damit endet die 29-jährige Kaufhausgeschichte in Meschede. Nach dem Totalausverkauf vor fast sechs Jahren hat sich allerdings bis heute praktisch nichts Erkennbares an dem Objekt getan. Die Verhandlungen zwischen Eigentümern und Investor sind von Beginn an kompliziert – das eigentliche Hertie-Warenhaus gehört der insolventen britischen Investmentfirma Dawyn Day, Stadthalle und Tiefgarage dagegen der Stadt Meschede. Die verkündet schließlich Anfang 2013, dass die Immobiliengruppe Bövingloh das Eigentum an den leerstehenden Flächen übernommen habe.

    Seitdem sind wieder zwei Jahre vergangen und angekündigte Termine für den Baubeginn tatenlos verstrichen. Es werden angestrebte Eröffnungstermine für das Meschede-Center vermeldet, hin und wieder gibt es Berichte über konkrete Mieter. Es kursieren Gerüchte und sogar halbherzige Bestätigungen zu bereits unterschriebenen Mietverträgen. Doch die Bautätigkeiten bleiben aus – vollständig. Nur in der Tiefgarage tut sich unterdessen etwas, sie wird geschlossen. Auf die stockenden Verhandlungen und ausbleibenden Bautätigkeiten angesprochen, winken mittlerweile selbst überzeugte Stammwähler der Mehrheitspartei entnervt ab. Hinter vorgehaltener Hand wollen nun Viele nie an eine Realisierung des Centers geglaubt haben.

    Gebäude von Stadthalle und ehemaligem Hertie-Kaufhaus, Meschede
    Der Weg in die Stadthalle führt derzeit durch ein Labyrinth von Bauzäunen auf dem Winziger Platz. Das abgebildete Wetter liefert übrigens keinen authentischen Eindruck der Szenerie.

    Nun gibt es – den Bauzäunen sei Dank! – zum ersten Mal eine sichtbare Veränderung am Winziger Platz. Aber mit der Zeit sinken offenbar die Erwartungen: Die Reaktionen auf den nahenden Baubeginn fallen verhalten optimistisch bis ungläubig aus. Und mit der Zeit sinken offenbar auch die Ansprüche: In der Zeitung steht, dass man sich bei der Auswahl der Mieter besonders darum bemüht habe, die Wünsche der Bevölkerung zu berücksichtigen. Dass man den Meschederinnen und Meschedern deshalb einen Haushaltswaren-Discounter kurzerhand als heiß ersehnten Fachmarkt unterjubeln möchte, finde ich dann aber doch zum Schmunzeln.

    Dieser kleiner Seitenhieb muss erlaubt sein – auch wenn ich das Projekt keinesfalls schlechtreden möchte, denn Meschede braucht das Center. Schließlich hat kaum etwas eine schlimmere Außenwirkung als ein menschenleerer Platz mit einem ebenso leerem Betonklotz – und das in bester Innenstadtlage.

    Rückansicht von Stadthalle und ehemaligem Kaufhaus in Meschede
    Hier an der Fritz-Honsel-Straße sollten eigentlich längst eine Brücke und der neue Eingang zu sehen sein.

    Dennoch verbreitet sich stellenweise – und irgendwie wenig überraschend – ein neues Gerücht in der Stadt: Die Männer in orangefarbener Weste seien in Wahrheit nur Statisten, die Bauzäune nur ein Fake. Wahlweise bezahlt von der Stadtverwaltung, dem Bürgermeister oder einfach „denen da oben“ – um das gemeine Volk vorläufig zu beruhigen.

    Tatsächlich ziehen bereits kurze Zeit nach der frohen Verkündigung des Baubeginns erneut dunkle Wolken über dem Winziger Platz auf. Laut einem Bericht des Sauerlandkuriers droht das gesamte Projekt überraschend zu platzen. Das unmittelbare Dementi des Bürgermeisters wirkt nicht so richtig überzeugend. Tatsächlich nur ein „Störfeuer“? Wer in welcher Weise und bewusst oder unbewusst Fehlinformationen liefert, scheint längst nicht (mehr) wirklich durchschaubar.

    Seitdem herrscht jedenfalls wieder Funkstille in Sachen Meschede-Center. Neues hört und sieht man nicht vom angeblichen Baubeginn am Winziger Platz. Den Leerstand rahmen jetzt noch Bauzäune ein, geändert hat sich ansonsten nichts. Den Stillstand kann man übrigens per Webcam mitverfolgen. Und irgendwann – hoffentlich demnächst – auch den Baubeginn.

  • Samstagmorgen am Aasee

    Tagsüber tummeln sich hier bei gutem Wetter die Massen – um frischen Sauerstoff zu schnappen, Sonne zu tanken und das heimische Geflügel zu füttern. An einem Samstagmorgen um 7.40 Uhr, kurz vor Sonnenaufgang, ist man dagegen fast alleine am Aasee. Bei Temperaturen leicht unter dem Gefrierpunkt drehen nur wenige Jogger ihre Runden um das Gewässer mitten in Münster. Dafür gibt’s dann stimmungsvolle Ausblicke wie diesen.

    20150214

    Mehr Bilder bei flickr

  • Helgoland im Winter. Yeah!

    Gute 20 Minuten später als geplant wechseln wir bei Bremen von der A1 auf die A27 – weiter in Richtung Küste, sonst ändert sich nix. Bereits vor gut 2 Stunden sind wir in Münster bei ergiebigem Landregen direkt in den Stau gestartet.  Jetzt sind es sind immer noch gute 100 Kilometer bis Cuxhaven – da darf nicht mehr viel dazwischen kommen. Denn unsere Fähre, die gleichzeitig die einzige des Tages ist, legt um 10.30 Uhr ab. Ziemlich genau um 10.10 Uhr biegen wir auf den Hafenparkplatz ein, wenig später stehen wir – absolut pünktlich – vor dem Schiff mit dem merkwürdigen Namen MS Funny Girl. Fahrtziel: Helgoland.

    2015012407
    Helgoland in Sicht. Im Vordergrund der Dünenstrand mit Kegelrobben.

    Deutschlands einzige Hochseeinsel ist im Winter nicht so komfortabel zu erreichen, wie man es von anderen Inseln entlang der deutschen Küste kennt. Nur eine Fährverbindung am Tag – und manchmal noch nicht einmal das. Die Zahl der Gäste an Bord ist sehr überschaubar. Eine einzige Servicekraft versorgt die Passagiere mit Getränken und Snacks. Kurz nachdem unsere – ziemlich spontane – Entscheidung für ein Winterwochende auf Helgoland fiel, habe ich allerlei Geschichten über die mitunter anstrengende Anreise per Schiff gelesen. Stichwort: Fische füttern. Daran muss ich nun zwangsläufig denken, als das Pärchen nebenan die bestellte Riesenportion Pommes Frites mit Currywurst futtert. Wir bleiben – vorsichtshalber – beim Brötchen. Man weiß ja nie.

    Rund 2 1/2 Stunden dauert die Überfahrt von Cuxhaven aus. Im Vergleich zu den Fährfahrten auf ostfriesische Inseln wie Norderney oder Borkum, schaukelt die MS Funny Girl von Beginn an recht ordentlich. Allerdings hatte der Wetterbericht auch auffrischenden Wind und für den Nachmittag sogar erste Sturmböen vorhergesagt. Als wir gut eine Stunde auf See sind, nimmt der Wellengang dann noch einmal spürbar zu. Die nette Dame, die eben noch Fischbrötchen und Kaffee verteilte, kontrolliert nun im Vorbeigehen und mit geübtem Blick die Verfassung der einzelnen Passagiere. Kommentarlos verteilt sie Spuckbeutel aus Papier an ausgewählte Personen. Wenig später kommt zum ersten Mal der knallgelbe Nass-Trocken-Sauger zum Einsatz. Wir verziehen uns nach draußen an die frische Luft.

    2015012401
    Blick auf die markanten Buntsandsteinklippen von Helgoland – noch inklusive der einsturzgefährdeten Langen Anna.

    Kurz bevor Helgoland in Sicht ist, klart der Himmel auf und die Sonne lässt sich blicken. Wenig später legt die Funny im Südhafen an. Das berüchtigte Ausbooten vor Deutschlands einziger Hochseeinsel entfällt im Winter. Wir packen unseren Koffer und trotten den anderen Gästen hinterher. Unsere Unterkunft liegt im Oberland. Helgoland ist autofreie Zone – zumindest fast: Einige putzige Elektromobile gibt es schon. Aber schnell wird klar: die Insel ist so winzig, dass ein Verlaufen zum Ding der Unmöglichkeit wird. Das ist nun eigentlich ganz praktisch, denn so richtig gut informiert haben wir uns vorher nicht. Ein paar Infos von der Touristikzentrale und dann das Kontrastprogramm der taz – ein Zufallsfund bei der Internetkurzrecherche. Wir sind gespannt, welche Einschätzung zu Helgoland treffender sein wird.

    Über den Lung Wai latscht man an zahlreichen Duty-Free-Shops vorbei, direkt auf den Aufzug zu, der Ober- und Unterland der Insel miteinander verbindet. Die Fahrt kostet 60 Cent. Die 184 Treppenstufen gleich nebenan kosten nix, sind mit dem Koffer aber nicht zu empfehlen. Wir steuern in Richtung Kirchturm und stehen wenige Augenblicke später vor unserem kleinen Hotel. Die Begrüßung in den Mocca-Stuben ist herzlich. Von Helgoländer Unfreundlichkeit keine Spur. Ganz nebenbei weist Inhaber Stephan schon einmal darauf hin, dass am Wochenende wohl nicht mehr mit einer Fähre zu rechnen sei – es ziehe ein Sturm auf. Stört uns nicht wirklich, wir wollten ohnehin bis Montag bleiben. Das Zimmer macht einen guten Eindruck – also geht’s direkt wieder raus, die Insel erkunden. Nach wenigen Metern stehen wir direkt vor dem Leuchtturm. Mit rund 28 Seemeilen Reichweite ist er das stärkste Leuchtfeuer der deutschen Küste. Natürlich! Denn Helgoland ist auch ein bisschen die Insel der Superlative – dazu später noch mehr.

    2015012404
    Der Radarturm sorgt bei Stum für eine permanente Geräuschkulisse, die auf dem gesamten Oberland zu hören ist.

    Nun sind wir erst einmal schwer beeindruckt – vom Blick auf die roten Klippen und die berühmte Lange Anna. Und von der winderlichen Kulisse, denn die steife Brise hat längst zu einem ordentlichen Sturm aufgefrischt. Das dunkelgrüne Wasser der Nordsee wird von weißen Wellenkämmen unterbrochen. Die Gischt der Brandung ist noch etwa 50 Meter weiter oben am Klippenrand zu spüren. Ohrenbetäubend pfeift der Radarturm, der ebenfalls auf dem Oberland installiert ist. Am Horizont wird die Sonne immer wieder von gewaltigen Wolkenformationen verdeckt.

    Danach geht’s wieder Richtung Unterland. Pünktlich zur Mittagszeit ruft der Hunger, geöffnet hat allerdings nur wenig. Auf Helgoland gelten noch historische Ladenöffnungszeiten. Man öffnet spät, schließt über Mittag und hat nach 18 Uhr selbstverständlich Feierabend. Das sorgt beim Stadtbewohner anfangs für Irritationen. Schnell wird aber klar, dass das auch eine Form von Entschleunigung sein kann. Und was sucht man sonst, mitten im Winter, auf Helgoland? Nach einem kurzen Snack im Unterland geht’s über die Treppen zurück nach oben. Die Insel wirkt fast wie ausgestorben. Viele Läden sind dunkel, auf den Straßen begegnet man nur vereinzelt Menschen.

    2015012406
    Blick vom Falm auf die Nordseeklinik im sogenannten Mittelland und den Südhafen der Insel.

    Mit einbrechender Dämmerung kehren wir im Café Krebs ein, mit Panorama-Blick vom Falm über auf die unruhige Nordsee. Viel los ist nicht, gerade einmal ein Gast schaut aus dem Fenster. Viel los war wohl auch in den vergangenen Tagen eher nicht, denn Inhaber Benno fragt uns zielstrebig nach der Anzahl der mitreisenden Gäste auf der Fähre aus. Auf unsere Antwort reagiert er mit einem eher ernüchternden Blick und leichtem Kopfschütteln. Wir bestellen Kaffee, Tee und Eiergrog-Sahnetorte. Beim Servieren prohezeit uns Benno, dass aus unserer geplanten Rückreise am Montag sicher nichts wird, und überhaupt: vor Weihnachten? Nur vielleicht. Beim Abendessen in den Mocca-Stuben erfahren wir, dass die Fährverbindung für den nächsten Morgen gestrichen ist. Der Backsalt – ein typisches Helgoländer Fischgericht – schmeckt saulecker.

    Samstag. Bereits am Vorabend und in der Nacht hatte sich der aufziehende Sturm angekündigt; der Radarturm „singt“ seitdem ohne Unterlass. Nach dem Frühstück ist klar, dass aus dem eigentlich geplanten Ausflug auf die direkt vor Helgoland gelegene Düne nichts werden wird. Nicht nur für die MS Funny Girl, sondern auch für die Dünenfähre Witte Kliff sind die Wellen der aufgewühlten Nordsee zu hoch. So bleiben die dort heimisch gewordenen Kegelrobben vorerst unter sich und die wenigen übrigen Hotelgäste weiter auf der Insel. Zwangsweise. Denn eigentlich wollte die kleine Gruppe aus Holland am Samstag abreisen. Nun hofft man auf den Sonntag.

    Wir entscheiden uns für kurzen Abstecher an das rote Bundsandsteinkliff. Man kann sich wortwörtlich in den Wind legen, der einem ohrenbetäubend um die Nase bläst – für den Klippenrundweg um das Oberland ist es zu stürmisch. Stattdessen geht’s am Leuchtturm vorbei ins Unterland, in Richtung Hafen und zu den Hummerbuden. Die bunten Holzhäuschen verbreiten ein wenig skandinavisches Flair auf Helgoland und sind ein beliebtes Fotomotiv. In der Hauptsaison gibt’s hier Fischbrötchen, Getränke, ein wenig Kunst, Souveniers und anderen Tinnef.

    2015012403
    Stürmische See bei Windstärke 9-10.

    Am frühen Nachmittag geht’s erneut ins Café Krebs. Eine Institution auf der Insel, wie wir mittlerweile wissen. Zwischen zahlreichen Schwarzweiß-Fotografien an den Wänden, die unter anderem Kaiser und Führer auf Helgoland zeigen, sitzt man auf einer Bestuhlung im Stil des berüchtigten Gelsenkirchener Barocks und fühlt sich unmittelbar um ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit katapultiert. Unter der Decke hängt ein Röhren-TV mit Holzfurnier, mittendrin stehen Sahnetorten, die ihrem Namen alle Ehre machen. Die brummende Kühlung der Tortenvitrine unterbricht in regelmäßigen Abständen die im Hintergrund tönende Mischung aus  alten Schlagermelodien und Easy Listening. Ein Helgoländer Original: Inhaber Benno Krebs, immer mit weißem Schiffchen und Schürze bekleidet. Wenn er nicht gerade zwischen Café- und Ladenbereich hin und her wuselt und von alten Zeiten erzählt, macht er bei Pils, Bockwurst und Butterschnitte Mittagspause – mitten zwischen den Gästen.

    Am späten Samstagnachmittag begeben wir uns in den Helgoländer Untergrund. Die Führung durch die verbliebenden Reste des gigantischen Bunkersystems soll ein echtes Highlight sein. Die Führung ist dann auch tatsächlich ganz interessant. Vor allem wegen der persönlichen Geschichten und Anekdoten des Touristenführers, weniger wegen der vermeintlich beeindruckenden Zahl von Bombeneinschlägen auf der Insel, die er ebenfalls präsentieren kann. Damit wären wir wieder bei den Superlativen. Die werden auf Helgoland tatsächlich exzessiv verwendet: Austragungsort der bislang größten nicht-nuklearen Sprengung. Nirgendwo sonst lässt sich die besondere Ästhetik der deutschen Nachkriegsarchitektur in einem derart geschlossenen Ensemble bewundern. Und natürlich ist man Deutschlands einzige Hochseeinsel. Obwohl Helgoland tatsächlich weder in der Tiefsee, noch in internationalen Gewässern liegt – man muss das nicht alles so genau nehmen. Am Abend gibt es wieder Fisch in den Mocca-Stuben. Lecker!

    Sonntag. Das Wetter hat sich deutlich beruhigt. Die Fähre kommt trotzdem nicht. Stattdessen wollen die anderen Hotelgäste nun per Flugzeug von der Insel flüchten. Die kleinen Propellermaschinen starten vom Flugplatz auf der benachbarten Düne; die Fähre dorthin soll zumindest am Nachmittag wieder fahren. Auf die Idee, statt der Fähre das Flugzeug zu nehmen, sind auch andere Inselurlauber gekommen. Nach einigem Hin und Her und mit etwas Glück ergattert die Gruppe aus den Niederlanden noch einige Restplätze. Der Flug zum Festland dauert nur etwa 30 Minuten, ist aber etwa viermal so teuer wie die Fährfahrt, Gepäck kann nur begrenzt mitgenommen werden und angeflogen wird Bremerhaven – die Autos der Fährpassagiere stehen aber in Cuxhaven.

    2015012402
    Männliche Kegelrobben können über 2 Meter lang und bis zu 220 kg schwer werden.

    Gegen Mittag steuern auch wir mit der kleinen Dünenfähre rüber zum sandigen Teil von Helgoland. In den Sommermonaten ist die vorgelagerte Insel mit ihren Sandstränden das Badeparadies für Urlauber und Einheimische. Es gibt einen kleinen Campingplatz und Bungalows für diejenigen, die es noch etwas inseliger als auf Helgoland selbst mögen. Im Winter ist die Düne dagegen vollkommen unbewohnt. Abgesehen vom Flugverkehr und den Robben, tummeln sich dann vor allem Tier-Fotografen auf dem Eiland. Denn zwischen November und Januar werfen die Kegelrobben ihren putzigen Nachwuchs – und näher kommt man diesen beeindruckenden  Säugetieren vermutlich nirgendwo sonst in Deutschland.

    Montag. Die Sturmböen sind zurück. Erwartungsgemäß fällt die Fährverbindung weiter aus. Mittlerweile sind wir die einzigen Gäste im Hotel. In der Nacht fühlt man sich ein bisschen wie im Overlook-Hotel aus Stephen Kings Shining. Wir haben zwar keinen meterhohen Schnee und auch viel weniger Platz, dafür aber jede Menge Wind, der sich lautstark bemerkbar macht. Ob am Dienstag die Fähre kommt ist ungewiss. Am Mittwoch ist Heiligabend. Dann und am 25. Dezember kommt laut Fahrplan kein Schiff. Am Nachmittag überlegen wir ernsthaft, für den Fall der Fälle eventuell doch das Flugzeug zu nehmen. Weihnachten auf Helgoland zu verbringen wäre zwar keine Katastrophe, könnte im Hotel aber zum Verpflegungsproblem werden: Viele Restaurants haben über die Weihnachtsfeiertage geschlossen.

    Dienstag. Nach dem Frühstück steht fest, was wir schon befürchtet hatten: Die Fähre kommt nicht, der Seegang ist zu hoch. Aber an Heiligabend soll es eine Sonderfahrt geben, schließlich warten auf dem Festland noch zahlreiche Exil-Inselkinder, die Weihnachten bei der Familie auf der Insel verbringen wollen. Und auch die Windvorhersage stimmt optimistisch. Auf Helgoland ist der ungewöhnlich lange Ausfall der Fährverbindung längst zu dem Gesprächsthema mutiert, nicht nur unter den Gästen. Auch die Insulaner warten auf das Schiff und vor allem Personen und Dinge, die es an Bord haben wird – vom Enkelkind, über den Weihnachtsbaum bis zum Gänsebraten.

    Mittwoch, Heiligabend. Die Fähre kommt! Bis zum Frühstück war das noch nicht so sicher: Der Wind ist immer noch stärker als vorhergesagt, die Überfahrt bei meterhohen Wellen sicher kein Fest für den Magen. Bei strahlend blauem Himmel geht’s gegen Mittag zurück nach Cuxhaven und von per Auto weiter nach Hause.

    Weihnachtspost an Bord – die MS Funny Girl an Heiligabend im Südhafen von Helgoland
    Weihnachtspost an Bord – die MS Funny Girl an Heiligabend im Südhafen von Helgoland.

    Unser Fazit nach nach einem deutlich verlängerten Wochenende auf Helgoland: Wir würden wiederkommen! Denn tatsächlich haben wir ziemlich genau das bekommen, was wir uns erhofft hatten. Raues Nordseeklima und echtes Insel-Gefühl. Im Winter mit nur wenigen anderen Gästen auf Helgoland festzusitzen ist ein Erlebnis der besonderen Art – zumindest wenn man keinen akuten Termindruck hat. Deshalb sollte man besser 1-2 Tage Urlaubspuffer einkalkulieren, wenn man einen Insel-Aufenthalt zu den üblichen Sturmzeiten plant.

    Anders als eine taz-Reporterin, haben wir die unfreundlichen und ganztägig alkoholisierten Inselbewohner nicht erlebt – im Gegenteil. Gut möglich, dass der Tagestourist im Hochsommer andersgelaunte Gastronomen und Händler erlebt – aber wo ist das nicht so? Über die Schönheit der Insel kann man sich streiten. Die Nachkriegsbauten gehören eher nicht dazu. Und natürlich findet man viel Beton. Aber das alles wirkt irgendwie sehr authentisch, ohne Schi Schi. Wirklich beeindruckend schön ist der Ausblick auf die offene Nordsee – wenn man am Rand des Sandsteinkliffs steht und am gesamten weiten Horizont kein Land zu sehen ist. Der Blick auf die tiefrote Lange Anna während eines Sonneuntergangs, das Erlebnis zwischen Robben am Dünenstrand spazieren zu gehen – damit punktet Helgoland.

    Wer Aktivitäten sucht, sollte die Insel dagegen besser meiden – zumindest im Winter. Die Sehenswürdigkeiten sind schnell erledigt, auch wenn es manche Kleinigkeit zu entdecken gibt, die den Tagestouristen in der Hauptsaison vermutlich entgehen. Beispielsweise die Bronzestatue von Hoffmann von Fallersleben, der auf der – seinerzeit noch britischen Insel – das Lied der Deutschen dichtete.  Es bleiben: Spazierengehen, Kaffeetrinken, die Nase in den Wind halten, Robben ansehen, zollfrei einkaufen, leckeren Fisch essen, die Bunkerführung oder das Schwimmbad besuchen. Mit etwas Glück läuft ein interessanter Film im Nordseekino. Das Aquarium dagegen ist Geschichte – wir gehörten Ende 2014 zu den letzten Besuchern.

    Mehr Helgoland-Bilder bei  flickr

  • Kurze Sommerpause in Münster

    Nachdem sich der Himmel verfinsterte ging es recht fix: Gewitter, Starkregen und Sturmböen. Zahlreiche Straßen sind wegen Überflutung und umgestürzter Bäume gesperrt. Und bei uns durch’s Treppenhaus fließt gerade ein kleinerer Bach…

    20140728

     

  • Wintersuppe

    Sieht aus wie Herbst, soll aber Winter sein. Die Wolken hängen derzeit tief über Münster.

    20131212